Schuldenbarometer 2009

Knapp neun Prozent mehr Privatinsolvenzen in 2009 / Verstärkt junge Bundesbürger betroffen

1. Überblick: Privatinsolvenzquote 2009 steigt / leichter Rückgang zum Jahresende
2009 meldeten 130.698 Bundesbürger Privatinsolvenz an. Das entspricht einem Anstieg um 8,65 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2008 leisteten Privatpersonen in 120.289 Fällen einen Offenbarungseid (siehe Grafik1). Vor allem jüngere Menschen sind zunehmend von der Pleitewelle betroffen und von Armut bedroht.

Prvatinsolvenzen in Deutschland (absolut), 2000-2009
GRAFIK 1

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Erhebung der Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel. Zwar sinkt die Fallzahl an Privatinsolvenzen im Untersuchungszeitraum 2009 zum Jahresende hin. Im vierten Quartal 2009 kam es zu 33.834 Verbraucherinsolvenzen (Oktober: 11.814 Fälle; November 11.599 Fälle; Dezember 10.421 Fälle). Das entspricht einem Rückgang um 4,28 Prozent gegenüber dem Vorquartal (3.Quartal 2009: 35.347)

Dennoch rechnet Bürgel für 2010 mit einer negativen Entwicklung bei den Verbraucherinsolvenzen. Insgesamt meldeten in Deutschland innerhalb der letzten Dekade 833.376 Privatpersonen ihre Zahlungsunfähigkeit.

2. Insolvenzstatistik pro Bundesland: Jede fünfte Privatpleite in Nordrhein-Westfalen / Nach Einwohnerdichte am meisten Fälle in Bremen
Insolvenzspitzenreiter bei den absoluten Zahlen ist Nordrhein-Westfalen mit 26.918 Privatpleiten. Das bedeutet: Knapp 20 Prozent aller Fälle finden in diesem Bundesland statt. Platz zwei hält Niedersachsen mit 17.605 Insolvenzen und Platz drei Bayern mit 14.860 Pleiten (siehe Grafik 2).

Privatinsolvenzen pro Bundesland (absolut), 2009
GRAFIK 2

In Relation zur Einwohnerzahl pro Bundesland zeigt sich bei der Insolvenzquote ein differenziertes Bild. Hier führt Bremen mit 284 Pleiten pro 100.000 Einwohnern, gefolgt von Niedersachsen (222), Schleswig-Holstein (219), dem Saarland (213), Brandenburg (210) und Hamburg (202).

Im Bundesdurchschnitt nahmen in 159 Fällen pro 100.000 Einwohnern Privatpersonen das Insolvenzgericht in Anspruch. Die wenigsten Privatinsolvenzen melden im Untersuchungszeitraum 2009 Thüringen mit 112 Fällen je 100.000 Einwohnern, Bayern (119) und Baden-Württemberg (129) – siehe Grafiken 3 und 4.

Karte: Privatinsolvenzen pro Bundesland (je 100.000 Einwohner), 2009
GRAFIK 3

Privatinsolvenzen pro Bundesland (je 100.000 Einwohner), 2009
GRAFIK 4

3. Veränderungen auf Länderebene: Stärkster Anstieg im Saarland
Gegenüber dem Vorjahr sind die Zahlen an Privatpleiten 2009 nur in drei Bundesländern rückläufig (siehe Grafiken 5 und 6). Hier schneidet Thüringen mit minus 23,1 Prozent (2009: 2.530; 2008: 3.290 Fälle) am besten ab. Die Quoten sinken ebenfalls in Nordrhein-Westfalen mit minus 5,67 Prozent (2009: 26.918; 2008: 28.537) und in Berlin mit minus von 4,26 Prozent (2009: 5.365; 2008: 5.604).

Prozentuale Veränderung der Privatinsolvenzen pro Bundesland (2008-2009)
GRAFIK 5

Prozentuale Veränderung der Privatinsolvenzen pro Bundesland (Vergleich 2008-2009)
GRAFIK 6

Unterdessen verzeichnet das Saarland mit einem dicken Plus von 57,78 Prozent mehr Privatinsolvenzen den stärksten Anstieg von 1.388 auf 2.190 Fälle. Auch in Brandenburg (plus 34,71 Prozent; 2009: 5.286; 2008: 3.924 Fälle), Hamburg (plus 23,13 Prozent; 2009: 3.572; 2008: 2.901 Fälle) und Schleswig-Holstein (plus 22,02 Prozent; 2009: 6.218; 2008: 5.096 Fälle) stiegen 2009 die Fallzahlen.

4. Geschlechter: Männer am häufigsten von Privatpleiten betroffen
Insgesamt gehen im vergangenen Jahr 58,59 Prozent aller privaten Pleiten auf das Konto von Männern. Das entspricht 76.571 Fällen (siehe Grafik 7). Dieser Trend herrscht, bis auf eine Ausnahme, in allen Altersgruppen vor – vor allem bei den 36- bis 45-Jährigen. In diesem Segment halten die Männer sogar einen Anteil von 61,43 Prozent. Nur bei der jüngsten Altersgruppe der unter 25-Jährigen sind mehrheitlich Frauen mit einem Anteil von 54,23 Prozent von einer Privatpleite betroffen. Das entspricht 3.817 Fällen.

Privatinsolvenzen in Deutschland, 2009
GRAFIK 7

5. Altersgruppen: Insolvenzrisiko bei jungen Bürgern am höchsten
Am meisten Privatinsolvenzen verzeichnet die Bürgel- Untersuchung im Jahr 2009 bei den 36- bis 45-Jährigen. Der Anteil dieser Altersgruppe liegt bei 31,9 Prozent. Das entspricht 41.695 Pleiten (siehe Grafik 7). Zweitstärkste Gruppe mit 41.499 Fällen sind die 46- bis 60-Jährigen mit einem Anteil von 31,75 Prozent. Lediglich 8,1 Prozent der privaten Offenbarungseide gehen auf das Konto der über 60-Jährigen.
Als problematisch erweist sich die Gruppe der 18- bis 25-Jährigen. Dort ereigneten sich im vergangenen Jahr 7.038 Privatinsolvenzen. Das sind 34,49 Prozent mehr Fälle als noch 2008 (5.233 Fälle) – siehe Grafik 8. Auch die zweitjüngste Altersgruppe bringt es auf einen zweistelligen Anstieg um plus 15,03 Prozent auf 29.874 Privatpleiten (2008: 25.970 Fälle). Nur bei den über 60-Jährigen meldet Bürgel rückläufige Tendenzen um minus 0,5 Prozent. In diesem Segment sanken die Fallzahlen von 10.647 (2008) auf 10.592 (2009).

Vergleich der Altergruppen (2008-2009)
GRAFIK 8

Die Ungleichverteilung von Privatschulden bei den einzelnen Altersgruppen hängt mit einem ungünstigen Ausgaben-Einkommens-Verhältnis bei den jüngeren Gruppen und in der Folge mit einem höheren Insolvenzanstieg zusammen, denn: In diesem Segment steht den Investitionen in Wohnungs- und Familiengründungen ein vergleichsweise geringes Einkommen gegenüber. Zudem verfügen jüngere Konsumenten statistisch über weniger gespartes Vermögen, das in einer Krise über finanzielle Engpässe hinweghelfen könnte. Ferner passen bei jüngeren Bundesbürgern teilweise Konsumverhalten und Einkommenssituation nicht zusammen. Ältere Bundesbürger sind hingegen bei einem höheren Einkommen mit geringeren Investitionen konfrontiert.

6. Hauptursachen für Privatverschuldung und Ausblick: Negative Prognose für 2010
Laut Bürgel hängt der Anstieg der Privatinsolvenzquote um 8,65 Prozent vor allem damit zusammen, dass es wesentlich schwieriger geworden ist, von Banken neue Kredite zu erhalten: Bei den Sicherheiten im Vorfeld der Kreditvergabe setzen Finanzdienstleister inzwischen weitaus strengere Maßstäbe als in den Vorjahren an.

Hinzu kommen die klassischen Ursachen privater Insolvenzen: Arbeitslosigkeit und Veränderungen im persönlichen Umfeld durch Trennung, Scheidung oder Tod des Partners. Außerdem Erkrankungen, Unfälle sowie Scheitern der Selbstständigkeit. Summieren sich die Verpflichtungen auf – unter Umständen gepaart mit Erwerbslosigkeit – geraten Verbraucher häufig und schnell in eine finanzielle Schieflage. Tritt dieser Fall bei Schuldnern ein, bleibt vielen Bürgern oft nur noch der Schritt zur Anmeldung einer Verbraucherinsolvenz.

Zu den genannten Ursachen gesellen sich, vor allem bei jüngeren Bürgern, gescheiterte Immobilienfinanzierungen und ein nicht zur Einkommenssituation passendes Konsumverhalten. Zudem führen die steigenden Zahlen an Firmeninsolvenzen – vorne weg die spektakulären Arcandor- und Woolworth-Pleiten sowie Einbrüche im Segment der Automobilzulieferer – zu einem wachsenden Risiko, arbeitslos zu werden. Das belegt die aktuelle Arbeitslosenstatistik: Lag die Arbeitslosenquote im November 2009 noch bei 7,6 Prozent, kletterte deren Wert im Dezember nicht nur aus saisonalen Gründen auf 7,8 und im Januar 2010 sogar auf 8,6 Prozent.

„Vor diesem Hintergrund sind die Aussichten für 2010 weiter negativ“, prognostiziert Bürgel Geschäftsführer Dr. Norbert Sellin. Im aktuellen Jahr seien mehr als 137.000 Privatinsolvenzen möglich. Träte dieser Fall ein, würden die Insolvenzfallzahlen die Situation von 2007 überflügeln. Diesen Trend unterstreicht auch eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Demnach galten 2008 rund 11,5 Millionen Menschen – vor allem junge Erwachsene – als armutsgefährdet.

Privatinsolvenen in Brandenburg, 2009 Privatinsolvenen in Berlin, 2009 Privatinsolvenen in Baden-Württemberg, 2009 Privatinsolvenen in Bayern, 2009 Privatinsolvenen in Bremen, 2009 Privatinsolvenen in Hessen, 2009 Privatinsolvenen in Hamburg, 2009 Privatinsolvenen in Mecklenburg-Vorpommern, 2009 Privatinsolvenen in Niedersachsen, 2009 Privatinsolvenen in NRW, 2009 Privatinsolvenen in Rheinland-Pfalz, 2009 Privatinsolvenen in Schleswig-Holstein, 2009 Privatinsolvenen in Saarland, 2009 Privatinsolvenen in Sachsen, 2009 Privatinsolvenen in Sachsen-Anhalt, 2009 Privatinsolvenen in Thüringen, 2009
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23.02.2010
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