1. Überblick: Zeitliche Verteilung der Insolvenzfälle, regionale und strukturelle Unterschiede
Die Wirtschaftskrise setzt deutsche Unternehmen weiterhin unter Druck. Von Januar bis Juli 2009 meldeten insgesamt 15.891 Unternehmen in Deutschland Insolvenz an – deutliche 30,93 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (Januar bis Juli 2008: 12.137). Im zweiten Quartal betrifft die von Zahlungsunfähigkeit betroffenen Unternehmen 6.745 Firmen – das entspricht einem minimalen Rückgang von 0,3 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Das sind die Ergebnisse der Studie „Firmeninsolvenzen“ der Wirtschaftsauskunftei BÜRGEL.
Während der Markt im Mai mit 2.136 und im Juni mit 2.197 Firmenpleiten eine leichte Erholung erlebte, stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Folgemonat stark an (siehe Grafik 1): Im Juli beantragten 2.381 Firmen Gläubigerschutz.
Das entspricht einer Zunahme um knapp 8,4 Prozent gegenüber Juni.
Im Hinblick auf Region (Unternehmenssitz) und Unternehmensstruktur (Firmenalter und Rechtsform) ist die zahlenmäßige Verteilung der Insolvenzen sehr heterogen.
2. Insolvenzstatistik pro Bundesland: Nordrhein-Westfalen führt bei absoluten, Bremen bei relativen Zahlen
Im Studienzeitraum Januar bis Juli ereigneten sich, absolut gesehen, in Nordrhein-Westfalen die meisten Firmenpleiten (3.193), gefolgt von Bayern (1.860) und Baden-Württemberg (1.721).
Diese Zahlen sind indes nur begrenzt aussagekräftig, weil die Verteilung der Firmen pro Bundesland heterogen ausfällt. Aus diesem Grund vergleicht die Studie relative Zahlen von Firmeninsolvenzen. Dazu wurde deren absolute Zahl pro Bundesland
ins Verhältnis zu den jeweils dort gemeldeten Unternehmen gesetzt und mit dem Faktor 10.000 multipliziert. Die daraus resultierende Insolvenzquote zeigt ein differenzierteres Bild auf Bundeslandebene.
Demnach stammen die meisten zahlungsunfähigen Unternehmen aus Bremen – 68 pro 10.000 Firmen. Zweites Bundesland in dieser Reihe ist Sachsen-Anhalt mit 63 Pleiten je 10.000 Unternehmen, gefolgt von Schleswig-Holstein (62 je 10.000 Firmen), dem Saarland (51), Niedersachsen (51), Berlin (49) und Mecklenburg-Vorpommern (48). Der Bundesdurchschnitt befindet sich indes auf einem niedrigeren
Niveau von 43 Firmeninsolvenzen je 10.000 Unternehmen. Den geringsten Anteil an relativ gemessenen Firmenpleiten unter diesem Durchschnitt werden aus Bayern (31 je 10.000 Unternehmen), Hamburg (32), Thüringen (37) und Baden- Württemberg (37) gemeldet.
3. Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet stärksten Anstieg im Quartalsvergleich
Auch beim Vergleich des ersten und zweiten Quartals 2009 zeigt sich ein differenziertes Bild: Laut Studie sank die Zahl der Firmeninsolvenzen um 0,3 Prozent. Im Juli setzte sich diese Entwicklung jedoch nicht fort; in diesem Monat fielen allein 2.381 Unternehmen in die Insolvenz – 8,4 Prozent mehr als noch im Juni. Dasrelativiert Hoffnungen auf eine schnelle Insolvenzrückläufigkeit.
Am stärksten von der Zunahme von Firmenpleiten im zweiten gegenüber dem ersten Quartal betroffen sind die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern mit einem Plus von 28,78 Prozent, gefolgt von Brandenburg (plus 16,11 Prozent) und Hamburg (plus 6,91). Unterdessen ging die Zahl der Unternehmen, die Gläubigerschutz beantragten, in Sachsen-Anhalt mit minus 15,89 Prozent am stärksten zurück. Auch in Niedersachsen (minus 11,53 Prozent), Bremen (minus 8,33 Prozent) und Thüringen (minus 8,21 Prozent) ist der Pleitetrend rückläufig.
4. Firmenstrukturen: Krise trifft vor allem jüngere Unternehmen
Zwar lässt sich ein Insolvenzrisiko nicht automatisch vom Unternehmensalter ableiten. Dennoch zeigen die aktuellen Zahlen (siehe Grafik 5), dass vor allem jüngere Unternehmen von der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen sind. Allein im Juli stieg der Anteil der Unternehmen, die bis zu zwei Jahre am Markt aktiv waren und dann Gläubigerschutz beantragen mussten, auf 20,32 Prozent – das entspricht 484 Insolvenzen. Bezogen auf den gesamten Erhebungszeitraum von Januar bis Juli beträgt dieser Anteil 18,47 Prozent und betrifft 2.935 Unternehmen.
Im Gesamterhebungszeitraum sind 42,59 Prozent aller insolventen Unternehmen, das entspricht 6.768 Firmen, nicht älter als sechs Jahre. Aber auch Unternehmen, die mindestens ein Jahrzehnt am Markt bestehen, sind nicht gegen Zahlungsunfähigkeit gefeit. So war ein gutes Viertel (26,09 Prozent) der 15.891 Firmen, die von Januar bis Juli in die Pleite schlitterten, zwischen 11 und 20 Jahre am Markt aktiv. Erst bei alteingesessenen Unternehmen sinkt das Insolvenzrisiko: Entsprechend schlägt der Anteil der insolventen Firmen, die 50 Jahre und länger bestehen, mit nur 4,26 Prozent zu Buche – das entspricht 677 Unternehmen.
5. Gewerbebetriebe gehen am häufigsten pleite
Von einer Zahlungsunfähigkeit im Untersuchungszeitraum sind vor allem Gewerbebetriebe mit einem Anteil von 40,76 Prozent (6.477 Unternehmen) und GmbHs (39,16 Prozent – 6.223 Unternehmen) betroffen. Als GmbH & Co. KG oder Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) firmierten weitere 9,56 Prozent, was 1.519 Pleiten entspricht. Aktiengesellschaften sind nur mit einem geringen Anteil von 0,96 Prozent von Insolvenz betroffen, nämlich 152 Unternehmen.
6. Hauptursachen zunehmender Firmeninsolvenzen und Ausblick
Die Ursachen von Firmeninsolvenzen sind komplex. Neben volkswirtschaftlichen Faktoren bestimmen betriebswirtschaftliche Aspekte – gerade für kleine, mittlere und vor allem jüngere Unternehmen – sehr stark das Insolvenzrisiko. „Obwohl im zweiten Quartal ein Rückgang an Firmeninsolvenzen von 0,3 Prozent zu beobachten ist, besteht dennoch kein Grund zu Optimismus“, warnt BÜRGELGeschäftsführer Dr. Norbert Sellin. Mehrere Faktoren sprechen laut Prognosen der Hamburger dagegen.
Zum einen bewegen sich die aktuellen Zahlen an Firmeninsolvenzen auf hohem Niveau – Tendenz: steigend. Allein vom vierten Quartal 2008 bis zum zweiten Quartal 2009 nahm deren Fallzahl um 10,9 Prozent zu (4. Quartal 2008: 6.078; 1. Quartal 2009: 6.765 2. Quartal 2009: 6.745). Im Juli dieses Jahres wuchs sie gegenüber dem Vormonat sogar um 8,4 Prozent. Zum anderen stieg die Menge an eidesstattlichen Versicherungen und Haftanordnungen – Frühindikatoren für eine Unternehmensinsolvenz – im zweiten Quartal dramatisch an: Es wurden 10.782 eidesstattliche Versicherungen erklärt, das sind 21,2 Prozent mehr als im ersten Quartal. Dazu kam es zu 12.043 Haftanordnungen, das entspricht einem Anstieg um 10,3 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. In der Folge rechnet BÜRGEL mit einer Zunahme der Firmeninsolvenzen auf bis zu 34.000 Fälle im Jahr 2009.
Ursachen seien neben einer weiter bestehenden Kreditklemme am Markt u.a. Zahlungsrückstände oder Zahlungsausfälle von Kunden und ein Mangel an Eigenkapital. Damit steige für Unternehmen die Gefahr einer sinkenden Liquidität.